Wir stellen hier in unregelmäßigen Abständen
Teilnehmer der Schreibwerkstatt mit ihren Arbeiten vor.
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Seit Jahrtausenden
ohn Unterlass
erhebt sie ihr Haupt
scheint
erwärmt
die Erde spiegelt sich
bis zum Meeresgrund
verzagt nicht
wenn Wolken sie bedecken
wenn Regen und Schnee
ihr Antlitz mit Schleiern bedecken
der Meeresgott tobt
und das Land mit Riesenwellen überschwemmt
Sie im Meer versinkt
dabei ihr Abendlied erklingt
selbst in der Nacht
strahlt sie um viele Ecken
um das Leben zu erwecken
Einzig
wenn das große unendliche Gefüge durcheinander gerät
die Physik
die göttliche Hand erhebt
sie ihre Bahn wird verlieren
das Leben
wie wir es kennen erfrieren
Sie wird wo anders wieder auftauchen
und den Molekülen Leben einhauchen
Von Angst und Leid durchzogen ein Gesicht
so steht es da
Augen starr
fast gestorben
Menschen die vorüber hetzen
nicht sehend den lebend Toten
Hast und Eile hat sie blind gemacht
oder
eigene Sorgen

Gleichgültigkeit zieht wie zäher Schleim vorbei
Wann wird dieser Mann darin ertrinken
Ich höre sein wortlos Schreien
gehe auf ihn zu
spreche ihn an
ein Glimmen durch sein Auge zieht
Ich hatte mir Sorgen gemacht
„Ich war krank Tag und Nacht"
Ein Auszug aus dem Buch „ Erinnerung“ Kapitel „Schulzeit“

Eine Fülle von schönen Erinnerungen.

Die Wohnung ihrer Eltern lag mitten in einem der heutigen Szene Viertel, einer
ziemlich langen Strasse, die, wenn sie nicht ständig ihren Namen ändern würde, von der
Mitte bis fast in den Norden der Stadt führte. Keine von Pappeln gesäumte Strasse, wie
der Name versprach, sondern Linden, und in deren Mitte fährt eine Strassenbahn, die im
Laufe der Jahrzehnte ihr Aussehen veränderte. Das Vorderhaus machte einen
Hochherrschaftlichen Eindruck, auch wenn der ledierte graue Rauputz, die verfallene und
durch Betrunkene beschädigte große rotbraune Eingangstür, dies eher schmälerten. Man
musste durch einen grossen, nach Urin stinkenden Eingang, von dessen Wänden der grau
grüne Farbanstrich blätterte, durch das Vorderhaus hindurch, über einen Hof in dem selbst
an Sommertagen das Sonnenlicht keinen Weg fand. Er wirkte wie eine grosse, das Licht
verschluckende tiefe Schlucht, mit rostigen Mülltonnen, die im Winter brannten, weil
glühende Asche sie entzündeten. Stetiges Rascheln verriet, das ausser den Menschen
das ein oder andere Getier Unterschlupf suchte und manches mal lagen tote Ratten auf
dem Hof oder dem Treppenhaus. Die Keller waren muffig, feucht mit ausgetretenen
Treppen die mit rostigen Geländern versehen waren. Die Kohlen und das notwendige
Feuerholz aus den selbigen holen glich schon fast einer Mutprobe. Den Seitenflügel links
liegen lassend betrat man dann das sogenannte Quergebäude. Briefkästen die seit
Erbauung des Hauses offensichtlich dort hingen, von der ein oder anderen wütenden
Faust zertrümmert, ein Treppenhaus, was nur auf dem ersten Treppenabsatz verriet, dass
es einmal bessere Zeiten gegeben haben musste. Ein Treppenfenster, so intensiv
farbenprächtig kannte Lucie es nur aus Kirchen. Im ersten Stock wohnte die berühmte
„Aufwartefrau“ eine Meisterin ihres Fach´s. Sie bewohnte die baugleiche Wohnung wie die
Eltern von Lucie und muss, zu Lucies Verwunderung, ihr Leben vollends auf die anderen
Mitbewohner des Hauses abgestimmt haben und zu diesem Zweck sich nur im Windfang
der Eingangsdiele wohnlich eingerichtet haben. Denn mit einer beänstigenden aber
durchaus berechnenden Genauigkeit erschien, wenn man den Treppenabsatz erreicht
hatte, erst ihr Gesicht im Türrahmen um dann in ihrer ganzen Pracht vollends aufzutreten,
nicht ohne den einen oder anderen Fehltritt verbal aufzuzeigen. Hatte man diese Etage
überwunden konnte Lucie die verblieben Stufen, 85 waren es insgesamt, entspannt nach
oben gehen. Manchmal klingelte Lucie aber erst noch im dritten Stock bei ihrer
„Nennoma“. Eine alte Frau, eine ehemaligen Bäuerin aus dem Berliner Umland, die mit
ihrem zweiten Mann, ihr erster, Vater ihrer Kinder war im Krieg gefallen, die gerne die
Betreuung Lucies übernahm, wenn deren Eltern des abends ins Konzert oder Theater
gingen. Die Oma trug immer eine dieser bunten Nylonschürzen, hochgekrempelte Ärmel,
trug Pantoffeln, hatte kleine blitzende kugelrunde blaue Augen, die lustig aber auch ernst
funkeln konnten, braune kurze lockige Haare und immer was Leckeres in der Küche. Ob
Kuchen, gebratene grüne Heringe oder sauer eingelegte, Quark mit Leinöl oder ihre
genialen Königsberger Klopse, für Lucie hatte sie immer einen Teller übrig. Der „Nennopa“
war ein eher stiller Zeitgenosse, hochgewachsen, sehnig muskulös. Das Gesicht und die
Arme immer braun gebrannt, vom Arbeiten auf dem Bau. Seine tiefen Furchen im Gesicht
erzählten eine ganz eigene Geschichte. Vom Leben in Masuren, vom Verlust seiner Kinder
und seiner Frau, dem Krieg, der Kriegsgefangenschaft und einem langen Weg bis zur
Oma und an diesen Ort. Er war ein wandelndes Geschichtsbuch. Wenn er sein
Feierabendbier getrunken hatte fing er manchmal an zu erzählen, sehr zum Leidwesen
der Oma, die die Geschichten zum hundertsten Mal hörte. Er war in diesen verdammten
Krieg geschickt worden, er war kein Anhänger des Hitler Regimes, er musste es nicht
beteuern. Er war Bauer, hatte einen Hof, Landwirtschaft, eine große Familie, da war keine
Zeit für Politik, für vermeintlich große Geschichte. Sie wurden zu Fuß losgeschickt, durch
das halbe polnische Land, rein nach Russland bis in den Kessel vor Petersburg. Im
Sommer rieben sie sich die Füße in den Stiefeln auf, die Wolluniformen scheuerten auf der
Haut, die gnadenlosen Gefechte bei „Feindberührung“, die Toten, die Schreie der
Schwerstverwundeten die um Gnade flehten, so manchen hatte er per Gnadenschuss von
seinen Qualen befreit, der Hunger und Durst, seine Verletzungen die keinen Heimaturlaub
zur Folge hatten, ein Bauchschuss und ein Beindurchschuss mit dem eigenen Urin
desinfiziert und mit den zusammengesuchten alten Unterhemden von Gefallenen
notdürftig verbunden, dieser gnadenlose Winter mit Erfrierungen an Händen und Füßen
und der lange Weg nach Sibirien ins Gefangenenlager, aus dem er mehr tot als lebendig
entlassen wurde.
„Dieser Verbrecher hat mir alles genommen, alles was ich geliebt habe.“, dies war
jedesmal sein letzter Satz bei dem ihm die Tränen in den Augen standen.
Feuchte Luft Tau auf den Wiesen
Kühlende Sonne durch Büsche scheint
Äpfel die duftend ihre Süße im Safte ergiessen
Kater der maunzend nach Käse verlangt
Kraniche mit ihrem Sang
ungeordnet ihre letzten Runden drehen
Moped mit seinem so typischen Klang
blubbernd tuckernd knatternd
auf der Dorfstrasse entlang
Die letzten Äpfel
groß rot und rund
in herbstlicher Kälte
erwarten ihren letzten Gang
Sonne die untergehend den Himmel lodernd verbrennt
Ein Farbenspiel wie es die Stadt nicht kennt
Und ich steh
genieße diese Stille
atme tief ein und aus
Diese wunderbare Welt ist unser Haus
Annelotte Semrau

* 1965 in Berlin-Mitte
lernte Herrenmaßschneiderin,
studierte Gesang an der HfM „Hanns Eisler“
ist seit Januar 2014 Lehrerin
für Musik und Deutsch
an einer Oberschule in Fürstenwalde
begann erst 2010 mit dem Schreiben
und entdeckte gleichzeitig ihre Liebe
zur Malerei, Grafik, Fotografie und Keramik.
Und dann wieder hört man von Kriegen
Menschen die mit Waffen sich gegenüber liegen
sich jagen
brutal verletzen
Kinder die hilflos weinend an Mauern stehen
voll Entsetzen
Häuser in Trümmern
Staub
man ahnt nur den Geruch
der in jedem Winkel sich verbreitet
die Angst die unsichtbar durch diese Leere gleitet
Maden in ihrem langsam quälenden Gewimmel
fressen Einen von innen heraus
aber nie ganz
sie hoffen auf den natürlichen Zellwachstumsverlauf
Nur die Hülle dich zusammenhält
jeder Biss einen entsetzlich quält
sich fett in deinem Fette wälzen
sich verpuppen
die Oberfläche wie Vulkane sprengen
um sich für kurze Zeit
in die Welt zu zwängen
Wiederkehrend ihre Brut ablegen
um erneut von dir zu zehren
Ein schöner Sonnen Herbsttag nun vergeht
das Laub sanft von den Bäumen weht
Die letzte Rose langsam ihre Augen schließt
das Gras von grün nach gelb zerfließt
ein Schmetterling vor Kälte stirbt
Dunkel ahnt man
Winter bricht herein
die Natur wird ruhig sein
doch wenn man in die Stille hört
ein leises Flüstern dir verrät
auch dieser Schlaf er
wird nicht ewig sein
und der Frühling bricht herein
Es ist die Zeit des
Erkennen
Entdecken
Lernen
Zeit
die neue Tiefe eines Gefühls zuzulassen
an irdischem Erleben bemessend
den Blick zu erweitern im Sein des Anderen
seinen Zeichen und Worten
staunend
lächelnd
folgend
und dennoch nachdenklich zu begegnen
unverhüllt
umhüllt
von einer unbekannten Vertrautheit
um sich liebend fallen zu lassen
in zuckenden kleinen Toden
in kühlen Nächten
beim Schweigen der Zikaden
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